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2000
Ungeheuer ist viel / Ein Stück Theater / nach Antigone des Sophokles




Antigone vollzieht das Bestattungsritual für ihren toten Bruder Polyneikes, während die drei Wächter sich vom Fussballmatch im Fernsehen ablenken lassen:
Lueg jetzt, jetzt packt er en. Jetzt sind's uufgwacht. Ja-Jaa-Jaaa!
Antigone wird vom Präsidenten Kreon verhört:
Nicht zu hassen, sondern zu lieben bin ich da.
Kreon weist in Anwesenheit seiner Partygäste den protestierenden Sohn zurecht:
Disziplin und Ordnung sichern dir Erfolg und Leben; unterliege, wenn es sein muss, einem Mann, doch niemals einer Frau.
Der Staatschef besinnt sich zu spät: Sein Sohn Hämon ersticht sich im Felsengrab Antigones.

ZÜRICHSEE-ZEITUNGEN, 3. APRIL 2000

Nähe und Ferne der Antike am Rämibühl


Zürich: "Ungeheuer ist viel". Die Arbeitsgemeinschaft Theater Rämibühl hat sich diesmal der "Antigone" des Sophokles angenommen. 20 Schülerinnen und Schüler verschiedener Gymnasialklassen machen szenisch fruchtbar, was sie an dem Klassiker ebenso sehr anzieht wie gleichermassen befremdet.

Martin Kraft

Der Chor ist, natürlich, kein Rat der Alten in wallenden weissen Gewändern. Es sind schicke junge Leute von heute, die souverän Smalltalk machen, ebenso mit Handy und Champagnerglas umzugehen wissen und zum Schluss der Aufführung gar ihre entsprechend tiefsinnigen Kommentare über sie abgeben. Wenn die Tragödie des Sophokles hier zunächst wie ein Geschehen von heute aufgefasst wird, rückt sie die nächste Szene auch schon in unüberbrückbare Ferne: Zwei Schülerinnen quälen sich mit Hilfe eines dicken Wörterbuches bis am Ende vergeblich damit ab, den Anfang des griechischen Originals zu übersetzen.

Der Konflikt der Titelheldin bewegt heute noch
Das ist das Spannungsfeld, in welchem Christian Seiler, für Textfassung, Regie und Gesamtleitung verantwortlich, die jungen Darstellerinnen und Darsteller dazu motiviert, ihre offensichtlich intensive Auseinandersetzung mit dem Klassiker dramatisch fruchtbar zu machen. Da kommt einerseits immer wieder der noch heute bewegende Konflikt der Titelheldin zum Tragen, in den zentralen Passagen des Originals, die nur dadurch verfremdet werden, dass die Hauptrollen zwei- oder dreifach besetzt sind. Aber dann meldet der Chor auch wieder spontan-heutigen Widerspruch gegen die Argumentation einer uns eben doch sehr fernen Zeit an - in Mundart natürlich, die das hochdeutsche Pathos des Klassikers auf einmal als ein wenig verlogen entlarvt.

Multimedialer Ideenreichtum
In diesem Wechselspiel von Nähe und Distanz ist vieles möglich und wird mit multimedialem Ideenreichtum genutzt. Musik trägt streckenweise die Aufführung, ein harmloses Volkslied hat etwa die Funktion, den tragischen Zwiespalt trügerisch zu überbrücken. Die letztlich eben auch familiären Konflikte werden mit einer originell adaptierten Loriot-Nummer - die mit dem weichen Ei - vorgeführt. Schattenspiel mit klassischem Theaterdonner veranschaulicht suggestiv, was sich sonst nicht leicht auf die Bühne bringen liesse.

Staatsaffäre im durchaus heutigen Sinn
Und der Einsatz von Video, sonst allzu gerne nur modischem Zwang folgend, hat hier eine durchaus überzeugende Funktion. Wenn zu Beginn das Begräbnis des Eteokles gezeigt wird, macht uns dies auf beiläufige Weise bewusst, dass es in der antiken Tragödie auch und vor allem um eine Staatsaffüre in durchaus heutigem Sinne geht. Und ebenso suggestiv zeigt der Schluss, dass hier die Stellung der Frau in der Männergesellschaft auf eine uns spontan ansprechende Weise reflektiert wird, zumindest werden kann. Eben noch haben wir den demagogischen Redner Kreon auf dem Bildschirm verfolgt, als er - ein technischer Defekt? - plötzlich verschwindet und nun den Gesichtern der Frauen Platz macht, die, unhörbar die Lippen bewegend, uns, auf uns selbst gestellt, mit den eigentlichen Fragen konfrontieren. Bis dann der bereits erwähnte selbstironische Smalltalk über die eben erbrachte Leistung der jungen Leute die vielleicht entscheidende Frage provoziert: Wie viel mag Theater, mit noch so viel eigenem Erleben erfüllt, letztlich zu bewirken?