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Antigone vollzieht das Bestattungsritual für ihren toten Bruder Polyneikes, während die drei Wächter sich vom Fussballmatch im Fernsehen ablenken lassen: Lueg jetzt, jetzt packt er en. Jetzt sind's uufgwacht. Ja-Jaa-Jaaa! |
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Antigone wird vom Präsidenten Kreon verhört: Nicht zu hassen, sondern zu lieben bin ich da. |
ZÜRICHSEE-ZEITUNGEN, 3. APRIL 2000
Nähe und Ferne der Antike am Rämibühl
Zürich: "Ungeheuer ist viel". Die Arbeitsgemeinschaft Theater Rämibühl
hat sich diesmal der "Antigone" des Sophokles angenommen. 20 Schülerinnen und Schüler verschiedener
Gymnasialklassen machen szenisch fruchtbar, was sie an dem Klassiker ebenso sehr anzieht wie gleichermassen befremdet.
Martin Kraft
Der Chor ist, natürlich, kein Rat der Alten in wallenden weissen
Gewändern. Es sind schicke junge Leute von heute, die souverän
Smalltalk machen, ebenso mit Handy und Champagnerglas umzugehen wissen und
zum Schluss der Aufführung gar ihre entsprechend tiefsinnigen
Kommentare über sie abgeben. Wenn die Tragödie des Sophokles hier
zunächst wie ein Geschehen von heute aufgefasst wird, rückt sie
die nächste Szene auch schon in unüberbrückbare Ferne: Zwei
Schülerinnen quälen sich mit Hilfe eines dicken Wörterbuches
bis am Ende vergeblich damit ab, den Anfang des griechischen Originals zu
übersetzen.
Der Konflikt der Titelheldin bewegt heute noch
Das ist das Spannungsfeld, in welchem Christian Seiler, für Textfassung,
Regie und Gesamtleitung verantwortlich, die jungen Darstellerinnen und
Darsteller dazu motiviert, ihre offensichtlich intensive Auseinandersetzung
mit dem Klassiker dramatisch fruchtbar zu machen. Da kommt einerseits immer
wieder der noch heute bewegende Konflikt der Titelheldin zum Tragen, in den
zentralen Passagen des Originals, die nur dadurch verfremdet werden, dass
die Hauptrollen zwei- oder dreifach besetzt sind. Aber dann meldet der Chor
auch wieder spontan-heutigen Widerspruch gegen die Argumentation einer uns
eben doch sehr fernen Zeit an - in Mundart natürlich, die das
hochdeutsche Pathos des Klassikers auf einmal als ein wenig verlogen
entlarvt.
Multimedialer Ideenreichtum
In diesem Wechselspiel von Nähe und Distanz ist vieles möglich
und wird mit multimedialem Ideenreichtum genutzt. Musik trägt
streckenweise die Aufführung, ein harmloses Volkslied hat etwa die
Funktion, den tragischen Zwiespalt trügerisch zu überbrücken.
Die letztlich eben auch familiären Konflikte werden mit einer originell
adaptierten Loriot-Nummer - die mit dem weichen Ei - vorgeführt.
Schattenspiel mit klassischem Theaterdonner veranschaulicht suggestiv, was
sich sonst nicht leicht auf die Bühne bringen liesse.
Staatsaffäre im durchaus heutigen Sinn
Und der Einsatz von Video, sonst allzu gerne nur modischem Zwang folgend,
hat hier eine durchaus überzeugende Funktion. Wenn zu Beginn das
Begräbnis des Eteokles gezeigt wird, macht uns dies auf beiläufige
Weise bewusst, dass es in der antiken Tragödie auch und vor allem um
eine Staatsaffüre in durchaus heutigem Sinne geht. Und ebenso suggestiv
zeigt der Schluss, dass hier die Stellung der Frau in der
Männergesellschaft auf eine uns spontan ansprechende Weise reflektiert
wird, zumindest werden kann. Eben noch haben wir den demagogischen Redner
Kreon auf dem Bildschirm verfolgt, als er - ein technischer Defekt? -
plötzlich verschwindet und nun den Gesichtern der Frauen Platz macht,
die, unhörbar die Lippen bewegend, uns, auf uns selbst gestellt, mit
den eigentlichen Fragen konfrontieren. Bis dann der bereits erwähnte
selbstironische Smalltalk über die eben erbrachte Leistung der jungen
Leute die vielleicht entscheidende Frage provoziert: Wie viel mag Theater,
mit noch so viel eigenem Erleben erfüllt, letztlich zu bewirken?
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