TAGES-ANZEIGER, 30. MÄRZ 2001
Die Liebe ist nur ein Wahnsinn
Shakespeare ist ein Abenteuer. Wie geht man es am besten an? Ein Mitglied der AG Theater Rämibühl berichtet.
Rada Leu
Die grundsätzliche Idee hinter unserer Fassung von "Wie es euch gefällt" ist die
der verschiedenen Ebenen, zwischen denen gewechselt werden kann. Die erste
Ebene: die Schauspieler der Theater AG Rämibühl. Die zweite Ebene:
diese Schauspieler spielen eine Schauspieltruppe, die im Wald von Arden
(dem utopischen Wald der Liebe und der Sorglosigkeit) wiederum das
Stück spielt. Dies ist eine Herausforderung, sowohl für unser
Denkvermögen als auch für dasjenige des Publikums.
Doppelsinn der Verkleidung
Bei den Proben setzte sich unsere Theatergruppe sehr intensiv mit den
Unterschieden zwischen Frau/Mann und Liebe/Entfremdung auseinander. Wir
stellten die konträren Welten des Hofes - "ein Ort voll Hass und
Missgunst" - dem Ardenner Wald gegenüber, wo man lebt "wie in der
goldenen alten Zeit". Wir gehen noch einen Schritt weiter als Shakespeare,
indem wir das "goldene Zeitalter" als Zeitalter des Theaters begreifen.
Szenisch wird das so dargestellt, dass es zwei grosse
Bühnenhälften gibt, die durch einen Spalt getrennt sind, welcher
die geistige Einzwängung des Hofes symbolisiert.
Shakespeare treibt in diesem Stück ein Lieblingsthema seiner Zeit
theatralisch auf die Spitze: das des androgynen Menschen und der Verkleidung.
Rosalinde, als Mann verkleidet, versucht Orlando, ihren Geliebten, von seiner
"Liebeskrankheit" zu heilen, indem sie ihm wiederum die Rolle der Rosalinde
vorspielt. Orlando ist aber so verliebt, dass er sie nicht als seine
Geliebte erkennt. Das Ganze wird noch etwas verwirrender, als die
Schäfer Phoebe und Silvius dazukommen: Silvius liebt Phoebe, Phoebe
aber liebt Ganymed, Ganymed liebt Orlando, Orlando liebt Rosalinde und
Ganymed ist Rosalinde, als Mann verkleidet. Alles klar?
Frauen und Männer getrennt
Dem Publikum ist alles klar. Nach dem Stück wird auch allen
verständlich, wieso Frauen und Männer am Eingang getrennt werden
und sich gegenübersitzen müssen: weil sie sich dadurch schon vor
dem Spielbeginn mit dem Gedanken über Frau/Mann befassen müssen.
Die Trennung soll beim Publikum die philosophische Einsicht fördern,
dass man/frau die Welt nur aus der eigenen, unvollständigen Perspektive
erkennen kann. Für mich als Schauspielerin ist es interessant, mit
dieser Trennung zu spielen, weil jede Szene auf die Männer eine andere
Wirkung hat als auf die Frauen.
Das dritte Thema des Stückes ist das des Narren: Als Rosalinde vom Hof
in den Wald flüchtet, um ihre verbannte Mutter zu suchen, nimmt sie den
Narren ihres Onkels mit. Er steckt alle Waldbewohner mit dem "Narrenfieber"
an, das heisst, alle werden zu Narren und machen Unfug. Der Narr wirkt bei
Shakespeare weniger aus der Situationskomik als aus der Brillanz der
Gedankenführung und Sprache. In unserer Aufführung dient er auch
dazu, eine Verbindung zwischen dem Männer- und dem Frauenpublikum
herzustellen. Denn eigentlich sind sie ja gar nicht so verschieden, oder?
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