NEUE ZÜRCHER ZEITUNG, 2. APRIL 2002
Spiel mit Stil
Herausragende AG Theater Rämibühl
cpo.
Die Arbeitsgemeinschaft (AG) Theater Rämibühl wird heuer 30 Jahre
alt. Was mit einer Inszenierung zur Eröffnung der Aula
Rämibühl im Jahr 1972 begann, hat sich mittlerweile zu einem
Theaterengagement mit professionellem Anspruch und Auftritt entwickelt. Die
Arbeit des Projektleiters Christian Seiler, von Schülern,
Schülerinnen und zahlreichen Helfern vor, auf und hinter der
Bühne hat den Rahmen eines von der Kantonsschule Rämibühl
getragenen Freifaches schon längst gesprengt.
Der Deutschlehrer Peter Marxer, der die Theaterkurse mit dem damaligen
Rektor Hans Ulrich Voser erstmals auf den Stundenplan gesetzt hatte,
versuchte, seinen Zöglingen vor allem im Masken- und Bewegungsspiel
neue Ausdrucksmöglichkeiten zu eröffnen. Sein Nachfolger, der
Schauspieler und Regisseur Christian Seiler, baut sein Training unter
anderem auch auf die von Lee Strasberg entwickelten Techniken des Actor's
Studio auf: Die Kursteilnehmerinnen (die Mädchen sind stets in der Überzahl) versuchen,
sich an einen früher oder zuvor empfundenen Sinnesreiz zu erinnern und
diesen möglichst intensiv "wiederzubeleben". Neben den auf realistische
Darstellung abzielenden Übungen bilden die klassischen, etwa in der
Commedia dell'Arte entstandenen Kunstformen das zweite Standbein des Kurses.
Als jüngste Produktion steht das äusserst anspruchsvolle, Renaissance
rezipierende Drama Alfred de Mussets, "Lorenzaccio", auf dem Programm. Die
Wahl des Stücks spricht für den Ehrgeiz des Ensembles und des zum
Teil professionellen Produktionsteams: Die mehrsträngige,
kontrastreiche und mit einem fast unübersehbaren Figurenarsenal
angereicherte Handlung spielt auf einer der höfischen Tradition des 16.
Jahrhunderts entsprechenden, streng symmetrisch konzipierten Bühne. Auf
den schwarzweissen Fliesen reihen sich wogende Karnevalsszenen an anmutige,
von tänzelnden Pulcinellas getragene Einlagen. Da schluchzen zerrissene
Fürstinnen, da erstarrt eine nach Rache schreiende Gesellschaft in
einem farbenprächtigen, vom Orchester begleiteten dramatischen Tableau.
60 000 Franken hat diese üppig und dicht umgesetzte Chronik aus dem
Florenz des 16. Jahrhunderts gekostet. Ein Drittel davon haben Sponsoren
berappt. Dieser effiziente, höchst ambitionierte Idealismus
dürfte im Bereich des Zürcher Schultheaters wohl einmalig sein.
ZÜRICHSEE-ZEITUNGEN, 2. APRIL 2002
Das Leben - ein gar verhängnisvolles Spiel
Zürich: Die AG Theater Rämibühl spielt Alfred de Mussets "Lorenzaccio".
Die Arbeitsgemeinschaft Theater Rämibühl besteht seit 30 Jahren.
Zum Jubiläum präsentiert sie sich in Bestform mit einer
Professionalität und Spielfreude verbindenden Produktion von Alfred de Mussets "Lorenzaccio".
Martin Kraft
Theaterspiel wird am Rämibühl als ein alle Aspekte in Theorie und
Praxis umfassendes Freifach angeboten, das nicht ausschliesslich auf die
Erarbeitung einer bestimmten Produktion ausgerichtet ist, wobei diese aber
natürlich umso mehr von diesem unter professioneller Führung
erarbeiteten Fundament profitiert. Seit einigen Jahren steht die AG unter
der erfolgreichen Leitung von Christian Seiler, der zum Jubiläum unter
Mitsprache der Teilnehmer ein Hauptwerk der französischen Romantik
ausgewählt hat, den leider kaum mehr gespielten "Lorenzaccio" von
Alfred de Musset, den er allerdings zunächst einmal gründlich
überarbeiten und auf etwa die Hälfte kürzen musste. Der
Titelheld des im Entstehungsjahr 1834 recht aktuellen Stücks ist der
Vetter des korrupten, nur auf Mord und Frauenraub ausgehenden Herzogs
Alessandro de Medici, der dessen ausschweifendes Leben teilt, nur um ihn im
Namen der republikanischen Sache leichter umzubringen, dabei aber so viel
Spass an diesem Leben gewinnt, dass der schliesslich doch noch vollzogene
Tyrannenmord unglaubwürdig wird.
Karnevaleske Atmosphäre
Leben als verhängnisvolles Spiel: Diese Grundidee wird sinnfällig
veranschaulicht, wenn als Spiegelbilder Lorenzaccios immer wieder drei
Pulcinellas auftreten und er selber als solcher aufgemacht ist. Zur Zeit der
Medici entstand die Commedia dell'Arte, und so lag es nahe, dem Maskenspiel
als Element der Handlung grösseres Gewicht zu geben und das ganze Stück
in eine karnevaleske Atmosphäre einzutauchen. Dies entspricht auch dem
Anliegen von Schülertheater - man wagt sich kaum mehr, den Begriff für
eine so professionelle Darbietung zu brauchen -, vor allem das Ensemble als
Ganzes zur Geltung zu bringen. Und so werden die Auftritte der wunderschön Maskierten
und Kostümierten immer neu zu Höhepunkten, vereinen sich zu
pittoresken Bildern auf der nach Renaissance-Vorbildern
grosszügig-schlichten Bühne, deren schwarz-weiss gewürfelter
Boden auf der Rückwand tiefenperspektivisch fortgesetzt wird - und
werden unterstützt von einem Musikensemble, das Klänge im Stil der
Renaissance geschickt mit uns näher liegenden verbindet.
Prägnant besetzt
Bei allem Ausstattungszauber leben diese Ensembleszenen ebenso sehr von
einer offensichtlich ausdauernd trainierten und einstudierten
Körperarbeit. Doch im stetigen Wechsel mit ihnen vermögen die
Mitglieder der AG in vielen prägnant besetzten Einzelrollen nicht
weniger zu überzeugen. Hilfreich erweist sich dabei die
Aufführungstradition des Stücks, dessen Titelrolle in der
Uraufführung von Sarah Bernhardt gespielt wurde - was es nahe legte,
verschiedene Männerrollen weiblich zu besetzen und so den
"Frauenüberschuss" in der Arbeitsgemeinschaft ungezwungen aufzufangen.
Diese leichte Verfremdung wird zum besonderen Reiz des ansonsten
realistischen Spiels, an dem ausdrucksstarke Mimik und gute bis sehr gute
bühnendeutsche Diktion aller Mitwirkenden, natürlich in
unterschiedlich gewichtigen Rollen, gleich beteiligt sind. Zum
überzeugenden Ganzen fügen sich alle unter ihrem souveränen
Regisseur, der auf der Bühne mit raschen Verwandlungen erlaubenden
Vorhängen und den nötigsten Requisiten einfallsreich immer wieder
neue charakteristische Raumsituationen schafft, immer neue
Möglichkeiten zu überraschenden Auftritten und Abgängen
entdeckt. Gross war jedenfalls die Begeisterung nach dem mit über drei
Stunden doch nicht zu langen Spektakel.
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